29.11.2016 / 9.Alsergrund

Geräusch oder Lärm? | Zur Hörgeschichte von Wien

Vortrag Peter Payer (Historiker und Stadtforscher, Büro für Stadtgeschichte)

Die St. Johann-Nepomuk-Kapelle, erbaut nach Plänen Otto Wagners, steht heute zwischen den U-Bahnbögen und der Wiener Gürtelstraße. Mit ihr wurde ein passender Veranstaltungsort gefunden,  um sich dem Spannungsfeld von lauten und ruhigen Orte in der Stadt zu widmen.

Das drahtige Geräusch
„… obwohl es mit Chorproben, Messen und Veranstaltung keineswegs immer ruhig ist in der Kapelle“, so der Gastgeber Dr. Werner Reiss. Er gestaltete den Einstieg in den Abend, in dem er die erste Seite Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ vortrug. Der berühmte Roman beginnt mit einer Beschreibung eines Geräusches. „Hunderte Töne waren zu einem ineinander verwunden, aus dem einzelne Spitzen vorstanden“. Dieses „drahtige Geräusch“ ist unverkennbar, jenes der Stadt Wien.

Lärm ist das Geräusch der anderen
Rund dreißig Interessierte folgten Peter Payer auf eine Zeitreise durch die Hörgeschichte von Wien. „Geräusch und Stadt“ ist eines der Lieblingsthemen des Stadthistorikers. Es ist ein weites Feld, welches in vielen Bereichen noch wenig erforscht ist.

Mit Tonbeispielen und historischen Fotografien versetzte er die BesucherInnen in die Zeit vor dem motorisierten Individualverkehr, als das Klappern der Hufe, Peitschenschläge und Kirchturmläuten die Geräuschkulisse der Stadt bildeten. Wie die Stadt ganz genau „geklungen“ hat, kann man erahnen, aber nicht genau rekonstruieren. Erste Tonaufnahmen von Alltagssituationen wurden erst Mitte des 20. Jahrhunderts gemacht.

Mit der Motorisierung und Mechanisierung veränderten sich die Geräusche in der Stadt grundlegend. Anhand von Karikaturen, beginnend kurz nach der Jahrhundertwende, wurde die lange Konfliktgeschichte von Geräusch und Gesellschaft dargestellt. „Lärm ist das Geräusch der anderen“, zitiert Payer den Schriftsteller Kurt Tucholsky.

In seinem Vortrag, den erzählten Geschichten zu Ruhehallen, ersten Ohrstöpsel, Gummireifen für Kutschen und vielem mehr, sowie in der anschließenden Diskussion wurden viele Aspekte der Thematik angesprochen. Der Stadtsound lässt sich aus vielen Richtungen, dem gesellschaftlichen, politischen, künstlerischen, rechtlichen, physikalischen, kulturhistorischen usw. betrachten bzw. „hören“. Im Vortrag wurde vielfältiges Wissen vermittelt und die Neugier geweckt, sich weiterhin mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Ruhige Orte druckfrisch
Die Agendagruppe „Ruhige Orte am Alsergrund“ stellte nach dem spannenden Vortrag die gleichnamige Sonderedition der Lokalen Agenda vor. Darin sind neben Textbeiträgen die Dokumentationen der Grätzlspaziergänge zu ruhigen Orten am Alsergrund gesammelt. Die Publikation lädt ein, sich auf eine Entdeckungsreise zu bekannten Parks, unbekannten Innenhöfen und versteckten Grünflächen zu begeben. Die Entdeckungsreise in gedruckter Form kann im Agendabüro abgeholt oder hier heruntergeladen werden.